One Two
Sie sind hier: Startseite Fragen Kirche und Kirchen

Kirche und Kirchen

Wenn wir doch alle Christen sind, wieso gibt es dann so viele verschiedene kirchliche Konfessionen und Kirchenformen? Sind wir nicht Glieder EINER Kirche?

Die von Ihnen in Ihrer Frage eröffnete Differenz zwischen der wahren Kirche Jesu Christi und den verschiedenen kirchlichen Konfessionen bzw. Kirchenformen beschreibt nur unter der Voraussetzung einen Widerspruch, dass die Kirche Jesu Christi bloß in genau einer organisatorischen Gestalt in Erscheinung treten dürfe und diese kirchliche Institution passgenau die einzig wahre Kirche abbilde. Dies beschreibt allerdings kein protestantisches Kirchenverständnis, sondern deckt sich sehr viel eher mit der Lehrmeinung der römisch-katholischen Kirche, die sich selbst als die einzig wahre Kirche Jesu Christi versteht. Ihre Identität und Kontinuität bezieht sie dabei aus der sog. Apostolischen Sukzession, die mittels Weihe durch Handauflegen eine (angeblich) ununterbrochene Kette von Petrus bis zu allen heutigen Bischöfen und Priestern bilden soll. Im Hintergrund stehen dabei biblische Textstellen (vgl. Mt 16,18f. und Joh 21,15-17), die als von Jesus an Petrus ergangener (göttlicher) Auftrag verstanden werden, die Leitung seiner Kirche zu übernehmen (und weiterzugeben). Auf diese Weise mit einem character indelebilis ausgerüstet, vermögen es die geweihten Mitglieder der christkatholischen Hierarchie stellvertretend für Christus/Gott in der Beichte die Absolution zu erteilen, sowie das eucharistische Opfer zu vollziehen.

Mit der Weigerung der römisch-katholischen Amtskirche, sich gegenüber der theologischen Kirchenkritik der Reformatoren zu öffnen, wurde es für letztere notwendig, das Kirchenverständnis so neu zu durchdenken, dass zwischen der Kirche als Gemeinschaft und Kirche als Institution deutlicher unterschieden werden konnte. So entwarf Luther in seiner Schrift „Von dem Papsttum zu Rom wider den hochberühmten Romanisten zu Leipzig“ (WA 6, 277-324) von 1520 ein Kirchenverständnis das es ermöglichte, das christliche Heil außerhalb der römisch-katholischen Kirche (die von dem Leitspruch „extra ecclesiam nulla salus“ ausging) zu suchen. Hierzu nahm Luther die Unterscheidung zwischen der sog. sichtbaren und der sog. unsichtbaren Kirche vor. Damit wurde und ist bis heute für die evangelische Ekklesiologie die Unterscheidung von Wesen und Gestalt(en) der Kirche konstitutiv. Unterschieden wird zwischen der wahren, aber eben unsichtbaren Kirche Jesu Christi, die sich dort zwischen Menschen ereignet, wo Gott in Wort und Sakrament präsent ist einerseits (für nähere Ausführungen vgl. das Theologische Update zu „Kirche und Taufe“ von Katharina Opalka) und zwischen menschlichen Institutionen und Organisationen, die es übernehmen, diesen Prozess strukturell zu fördern (allerdings ohne Gewähr des Sich-einstellens der Präsenz Gottes) andererseits. Kirche als Institution, ihre Struktur, ihr Recht etc. werden im Protestantismus damit klar als menschliche Ordnungssysteme gesehen, denen keine gottgegebene Wertigkeit und Unveränderlichkeit zukommt. Deshalb hat der Protestantismus grundsätzlich deutlich geringere Probleme damit, gewachsene Strukturen zu verändern und muss auch nicht als weltumspannende, auf Einheitlichkeit und Uniformität bedachte Organisation verfasst sein.

Für Ihre Fragestellung ergiebig ist  der Blick ins Neue Testament und die früheste Kirchengeschichte, denn mit der in Ihrer Frage thematisierten Spannung zwischen empirischer Realität und dem Ideal der Kirche haben sich bereits die frühen Christinnen und Christen auseinandergesetzt: So beschreibt Lukas in Apg 4,32 die sog. Jerusalemer Urgemeinde mit den Worten „[d]ie Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele“. Nicht einmal zwei Kapitel später, in Apg 6,1, sieht er sich jedoch genötigt zu berichten: „In diesen Tagen erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen“. Es spricht vieles dafür, dass sich schon die ersten Christen untereinander oft in wesentlichen Punkten uneins waren und auch ihre verschiedenen Gemeindegründungen hatten wohl eine recht unterschiedliche Gestalt: Hierarchischer Leitungsstil fand sich hier neben kollegialem Leitungsstil, einige Gruppen wollten an der Beschneidung oder den Speisegeboten festhalten oder bloß Juden als Gemeindemitglieder aufnehmen, andere – Paulus etwa – sahen Beschneidung oder Speisegebote als unwesentlich für das Christsein an und ermöglichten auch Nichtjuden, sich dem Christentum anzuschließen (so auch Philippus und Petrus, vgl. Apg 8,26-40; 10f.). Interessanterweise haben sich aber anscheinend die verschiedenen Gruppen aufeinander eingelassen (vgl. Apg 15; Gal 2): So sammelt etwa Paulus, der einen theologisch anderen Kurs als die Jerusalemer Gemeinde vertrat, auf seinen Reisen solidarisch gerade für jene Gemeinde Kollekten (vgl. Gal 2; 1 Kor 16; 2 Kor 8f.; Röm 15). In Korinth ruft Paulus die Mitglieder der Gemeinde dazu auf, sich nicht als Parteigänger bestimmter theologischer Richtungen (u.a. seiner eigenen) zu sehen, sondern als Christen (vgl. 1 Kor 3,4-23). Von ihm stammt auch das Bild des Leibes Christi, der die Verbundenheit und Zusammengehörigkeit der Christen betont („Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist's. So sind wir, die vielen, ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.“; 1 Kor 10,16f.), die er mit ihren unterschiedlichen Gaben als verschiedene, einander ergänzende Glieder am Leib Christi verstehen kann (vgl. 1 Kor 12).

Auch in Hinblick auf die theologischen Traditionen ganzer Gemeinden scheint sich innerhalb der frühen Christen eine Sichtweise durchgesetzt zu haben, die diese Pluralität verschiedener theologischer Traditionen als Glieder oder Facetten christlicher Verkündigung verstehen und deren Reichtum würdigen konnte. Dies schlägt sich noch heute nachvollziehbar in der Kanonbildung nieder: So finden sich im Neuen Testament nicht bloß ein Evangelium, sondern  vier verschiedene. Martin Ebner weist in seiner Einleitung in das Neue Testament darauf hin, dass die neutestamentlichen Schriften anscheinend so einander zugeordnet wurden, dass verschiedene Positionen miteinander kompositorisch „ins Gespräch“ gebracht wurden bzw. einander wechselseitig kommentierten. Im ebenfalls von Ebner verantworteten ersten Kapitel der „Ökumenischen Kirchengeschichte“ berichtet dieser von einem denkwürdigen, weil in Hinblick auf einen konstruktiven Umgang der verschiedenen christlichen Denominationen miteinander beispielhaften Vorgehen: Um 155 n. Chr. reiste Polykarp, der Bischof von Smyrna mit einer Delegation nach Rom, um mit der dortigen Gemeinde und deren Bischof Anicet den Streit darüber beizulegen, wann die Christen Ostern feiern. Beide Seiten mussten feststellen, dass sie keinen Konsens in dieser Frage erreichen konnten, erkannten daraufhin aber die jeweils andere Praxis der Mitchristen an. Als Zeichen ihrer Verbundenheit, trotz der nun auf Dauer gestellten Verschiedenheit, überließ es Anicet als Bischof von Rom, dem ortsfremden Bischof und Führer der Gegenpartei, Polykarp, die Eucharistie vor Ort in Rom zu feiern.

Im Gegensatz zu dem gelungenen Beispiel von Anicet und Polykarp und trotz der oben dargelegten Unterscheidung zwischen unsichtbarer Kirche und institutionell verfasster Kirchenorganisation, führten theologische Streitigkeiten schließlich sogar zwischen den Reformatoren zur Spaltung in zwei innerprotestantische Konfessionen: Lutheraner und Reformierte. Ihr Zerwürfnis entzündete sich ausgerechnet am Abendmahl (Zwingli: symbolisches Verständnis des Abendmahls, Luther: Realpräsenz Christi im Abendmahl). Die Folge war, dass man einander vom Abendmahl und von der Kanzelpredigt ausschloss. Im 19. Jh. versuchte vor allem König Friedrich Wilhelm III. von Preußen (aus politischen Gründen) beide Konfessionen zu einer Union zu bewegen. Er überließ es den Gemeinden, sich der Union anzuschließen. Weil er aber zu weitreichende Uniformierungswünsche in Hinblick auf lokale bzw. konfessionelle Eigenarten der Gottesdienste erhob und die Klärung der theologischen Differenzen vernachlässigte, schlossen sich bei weitem nicht alle Gemeinden der Union an, sodass die Unierten nun neben Lutheraner und Reformierte traten. Noch bis 1973 gab es deshalb zwischen Angehörigen protestantischer Konfessionen keine Abendmahls- und Kanzelgemeinschaft. Erst die Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie durch diverse (u.a.) aus der Reformation hervorgegangene Kirchen ermöglichte überhaupt die gemeinsame Feier des Abendmahls unter Protestanten. Diese Verständigung wurde v.a. dadurch erzielt, dass man die theologischen Lehrtraditionen der verschiedenen protestantischen Konfessionen respektierte und in ihnen Akzentsetzungen innerhalb der Gestalt christprotestantischer Theologie erblickte. Mit diesem Modell, das als „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ bezeichnet wird, knüpft die Leuenberger Kirchengemeinschaft im Grunde an die neutestamentlich-frühchristlichen Traditionen „polyphone[n] Verstehen[s]“ (Gerd Theißen) an, die Vielfalt und Pluralität als Reichtum versteht und deshalb von Vereinheitlichungstendenzen absieht. Da stimmt es hoffnungsvoll, dass sich diesem Modell über die Jahre hinweg 105 Kirchen angeschlossen haben. Voraussetzung für eine solche Verständigung ist allerdings, dass keiner der Gesprächspartner einen exklusiven Alleinvertretungsanspruch erhebt.

Mit ihrer Haltung steht die Leuenberger Kirchengemeinschaft in der Tradition eines Unionsbefürworters aus dem 19. Jahrhundert: Friedrich Schleiermacher betonte in seinem Werk „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ in seiner vierten Rede „Über das Gesellige in der Religion oder über Kirche und Priesterthum“, dass religiöse Menschen (er hat dabei protestantische Christinnen und Christen vor Augen) ein Interesse daran haben müssten, einander ihre verschiedenen Perspektiven darzulegen. Denn nur diese wechselseitige Perspektivübernahme und eine Vielfalt an Perspektiven – und damit dann vielleicht ja auch an Konfessionen und ihren Traditionen – würde der Tiefe Gottes als dem Grund des Glaubens einigermaßen gerecht. Ein theologischer Urenkel Schleiermachers, Ernst Troeltsch, formulierte das 1923 am Ende seines Lebens für eine (leider nicht mehr gehaltene) Vorlesung („Die Stellung des Christentums unter den Weltreligionen“) so: „Das göttliche Leben ist in unserer irdischen Erfahrung nicht ein Eines, sondern ein Vieles. Das Eine im Vielen zu ahnen, das aber ist das Wesen der Liebe.“

(WM Daniel Rossa)

 

Zum Weiterlesen:

§  Ebner, Martin: Von den Anfängen bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts, in: Moeller,Bernd (Hg.), Ökumenische Kirchengeschichte Band 1. Von den Anfängen bis zum Mittelalter, Darmstadt 2006, 15-57.

§  Ebner, Martin: Der christliche Kanon, in: Ders./Schreiber, Stefan (Hgg.), Einleitung in das Neue Testament, (Studienbücher Theologie 6), Stuttgart 22013, 9-52.

§ Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa (Leuenberger Konkordie, 1973) auf: http://www.leuenberg.net/sites/default/files/media/PDF/publications/konkordie-de.pdf (Zugriff: 24.09.2017).

§ Neusser, Wilhelm H.: Der Unionsaufruf des Königs vom 27.9.1817, in: Ders., Evangelische Kirchengeschichte Westfalens im Grundriß, (Beiträge zur Westfälischen Kirchengeschichte 22) Bielefeld 2002, 144-148.

§ Neusser, Wilhelm H.: Die Zwangsmaßnahmen des Königs ab 1821, in: Ders., Evangelische Kirchengeschichte Westfalens im Grundriß, (Beiträge zur Westfälischen Kirchengeschichte 22) Bielefeld 2002, 156-161.

§ Nowak, Kurt: Kirchenunionen, in: Wolf, Hubert (Hg.), Ökumenische Kirchengeschichte Band 3. Von der Französischen Revolution bis 1989, Darmstadt 2007, 27-29.

§ Opalka, Katharina: Beitrag "Kirche und Taufe" auf: http://www.theol-updates.uni-bonn.de/fragen/Kirchen_und_taufe, 30.04.2015 (Zugriff: 24.09.2017).

§  Schleiermacher, F.D.E.: Vierte Rede. Über das Gesellige in der Religion oder über Kirche und Priesterthum, in: Ders., Über Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), hg. v. Günter Meckenstock, Berlin/New York 2001, 134-160.

 

 

 

Zugeordnete Kategorie(n):
Artikelaktionen